John Digweed, Boss von Bedrock Records, regelmäßiger Gast im Space und insgesamt einfach ein total netter Typ, sprach vor Kurzem mit Spotlight über seine neueste Veröffentlichung 'Structures'.
Spotlight: Warum hast du jetzt die Compilation-CD Structures veröffentlicht, anstatt mit der Transitions-Serie weiterzumachen?
Ich wollte Bedrock Records wieder mehr aufbauen und promoten, die Transitions wurden bei einem anderen Plattenlabel veröffentlicht, Structures und die Bedrock 10 und 11 kommen hingegen bei meiner eigenen Plattenfirma raus.
Wie anders ist es heutzutage, eine Compilation-CD zusammenzustellen, verglichen zum Beispiel mit der 1994 erschienenen Renaissance Mix Collection?
Für die Alben, die ich jetzt mache, wie zum Beispiel die Structures, gehe ich hin und nehme die Titel exklusiv for Bedrock Records unter Vertrag, um sie dann auf dem neuen Album zu mixen. Für das Renaissance-Album hingegen habe ich damals einfach meine Lieblingstitel aus aller Welt genommen und diese irgendwie zusammengestellt. Diesmal kaufe ich alle Teile des Puzzles und hoffe, dass ich sie in sinnvoller Art und Weise zusammensetze. Es ist eine ganz andere Herangehensweise, für die anderen Alben sucht man die Tracks aus, die man mag, und lizenziert diese. Jetzt vergebe ich den Auftrag für Remixe und kaufe originale Titel exklusiv für dieses Album.

Also investierst du so viel mehr in den Prozess?
Ja, denn ich leite den Künstler an, zum Beispiel sage ich: "Ich mag diesen Titel, aber guck dir bitte mal diesen Teil an, der klingt noch nicht richtig" - so habe ich nicht nur einen direkten Zugang dazu, wie ich das Album zusammenstelle, sondern auch auf die einzelnen Tracks selber.
Wie hast du versucht, dein Album aus der Masse der Compilations hervorzuheben?
Zum einen durch die Tatsache, dass zwei Drittel der Titel vorher nicht veröffentlicht wurden, das ist sehr wichtig. Es ist sehr schwierig, etwas auf den Markt zu bringen, dass vorher keiner gehört hat. Allerdings gibt es so viel Musik auf dem Markt, dass man auch gut Titel nehmen kann, die schon veröffentlicht wurden, denn es gibt viel Musik da draußen, die vorher in der Masse untergegangen. Aber ich wollte das ganze Projekt kontrollieren, damit die einzelnen Titel auf dem Album gut zusammenpassen.
Zu dem Album gibt es auch eine Dokumentation, richtig?
Ein Freund von mir in Südamerika kennt diesen Regisseur und sagte, dass er gerne das nächste Mal, wenn ich dort sei, eine Dokumentation mit mir machen würde. Wir haben das per Mail besprochen, und als ich die Tour in Brasilien und Argentinien organisierte, machte er diese Dokumentation klar - und das Ergebnis begeistert mich total. Es war, als ob er Locations organisierte, die zu den Antworten passten, von denen er wusste, dass ich sie geben würde, er hat sich wirklich Gedanken gemacht darüber, was er porträtieren will und gibt so dem Interview einen visuellen Aspekt - anstatt dass ich bei einem Festival irgendwo backstage in einem grünen Raum sitze. Es gibt ein passendes Thema, das sich durch die ganze Dokumentation zieht, und für mich war es toll, jemanden zu haben, der das Ganze wirklich von Anfang bis Ende durchdacht hat - und so ist das Ergebnis einfach total stimmig.
In Südamerika bist du sehr beliebt, nicht wahr?
Ich fahre schon seit sehr langer Zeit immer wieder hin, die Südamerikaner sind sehr leidenschaftlich, wenn sie etwas mögen, dann mögen sie es wirklich. Ich habe in Buenos Aires vor 10.000 Leuten gespielt, nur ich und ein anderer DJ. Sie kommen zu Tausenden und es ist toll, so ein Publikum zu haben, die wirklich hinter dir stehen und die am Ende der Nacht noch dieselbe Energie haben wie am Anfang.
Wie strukturierst du hinsichtlich der verschiedenen Publikumstypen deine Sets?
Ich nehme jeden Gig, wie er kommt. Ich denke, das ist das Schöne an dem, was ich tue. Letzte Woche habe ich im Pacha in München für 700 Leute gespielt und am Samstag hatte ich einen Auftritt in Weißrussland vor 10.000 Menschen. Im Pacha war die Musik viel housiger, grooviger, mehr tripped out, am Samstag habe ich harte, treibende Tracks gespielt und es gab ein paar ganz große Momente. Ich habe keinen Juni-Set, den ich dann spiele, egal wo ich bin. Ich muss das Publikum lesen und die Musik spielen, die diese Menge begeistert, das kommt mit der Erfahrung. Es reicht nicht, einfach die Top 10 von Beatport runterzuspielen.
Gibt es 2010 so etwas wie einen Bedrock-Sound?
Bei Bedrock ging es uns immer darum, die Dinge nach vorne zu treiben und die beste Musik zu spielen, die gerade auf dem Markt ist. 2010 haben wir definitiv einen Techno-Einfluss beim Label.
Wie findest du die Künstler, die du unter Vertrag nimmst?
Es gibt keinen bestimmten Weg, es kann sein, dass du in einem bestimmten Club bist oder ein Freund schickt mir einen Titel oder einen Link, es ist einfach dieses im richtigen Moment am richtigen Ort sein. Außerdem bekomme ich jede Woche Hunderte von Tracks geschickt, die ich alle anhören muss, allerdings kann ich meist schon nach einer Minute entscheiden, ob ich es mag und mehr davon hören will.
Du hast eine der am längsten laufenden Radiosendungen als DJ, ist das ein wichtiger Teil des John Digweed/Bedrock-Paketes?
Das ist unheimlich wichtig, die Sendung wird in über 30 Ländern gesendet und hat 8 Millionen Hörer die Woche, so viele Menschen mit deiner Arbeit erreichen zu können, ist fantastisch. Ich weiß es also sehr zu schätzen, und die Sendung gibt mir auch eine Plattform, um neue Musik zu promoten oder andere Sachen auszuprobieren.
Du hast eine sehr umfassende Veröffentlichungs-Historie, aber wieso hast du nie ein Künstleralbum herausgebracht?
Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich eines machen sollte. Ich arbeite mit Nick Muir, und wenn wir einen Titel fertig haben, denken wir "Lass es uns veröffentlichen". Es war einfach nie wichtig für mich, und heutzutage suchen die Leute es sich sowieso im Einzelnen aus, man kann ein Jahr an einem kompletten Künstleralbum arbeiten und dann mag das Publikum einen Song davon und dann kaufen sie auch nur diesen. Es ist einfach unheimlich viel Arbeit und ich glaube, ich würde es schwer finden, so viel Zeit darein zu investieren.
Wir haben eine neue Veröffentlichung nächsten Monat, Satellite, und dann haben wir noch einen Titel fertig, der danach rauskommen soll. Außerdem haben wir gerade den Tom Middleton Track geremixt, wir waren also in letzter Zeit so produktiv wie schon lange nicht. Aber ich hatte nie den Drang zu sagen: "So, jetzt lass uns ein Künstleralbum machen", ich glaube nicht, dass das so wichtig für meine Karriere ist.

Du bist diesen Sommer wieder im Space, den Club kennst richtig gut, oder?
Carl Cox Party ist einfach eine der besten Nächte der Insel. Die Party zieht Leute an, die Musik kennen und lieben und das ist wirklich wichtig, denn man will nicht irgendwo auflegen, wo die Leute nicht verstehen, was du machst. Das Space hat auch ein fantastisches Sound- und Lightsystem. Und es gibt zwar Leute, die sagen, andere Orte in der Welt seien das 'neue Ibiza', aber es gibt nur ein Ibiza, hier hört man alle Genres, gibt es Musik für jeden Geschmack. Guetta, Cream, Cocoon, Carl und auch Tiesto machen alle ihr ganz eigenes Ding, und man kann jeden Tag der Woche auf eine neue Megaparty gehen.
Hattest du nie die Gelegenheit, eine eigene Party oder eine wöchentliche Residenz auf Ibiza zu machen?
Ha! I glaube, meine Gehirnzellen kämen nicht damit klar, jede Woche auf Ibiza zu sein!
Was ist mit New York, ich weiß, dass die Stadt immer ein wichtiger Ort in deinem Tourprogramm war.
Ganz ehrlich, New York ist in den letzten beiden Jahren ein bisschen eingeschlafen. Nachdem der Club Twilo geschlossen hatte, wurden auch einige andere Clubs zugemacht, und das ist wirklich schade. Es hat sich verändert, von "the city that never sleeps" zu "the city that’s asleep at midnight"... Ich hab im Pacha aufgelegt und bin im September wieder da für die Electric Zoo, ein riesiges Festival.
Wenn wir schon von sterbenden Szenen sprechen, das scheint auch in London passiert zu sein... Was denkst du darüber?
Ich denke, während bei der letzten Rezession die Clublandschaft boomte, weil die Leute ausgehen wollten und die Krise vergessen, ist es jetzt so, dass alle ihr Geld für die großen Clubnächte sparen, anstatt zweimal die Woche auszugehen. Sie gehen nur zu den garantiert guten Partys, die guten Nächte laufen also noch, aber insgesamt ist es schwer. Die Leute geben beim Ausgehen auch weniger aus, aber die großen Festivals wie Glastonbury und Creamfields werden immer ausverkauft sein. Ich denke auch, Dinge wie die Weltmeisterschaft machen einen Unterschied, die Menschen fahren nicht eine ganze Woche nach Ibiza, sondern nur für ein paar Tage. Also, es ist insgesamt schwieriger geworden, aber es gibt immer noch gute Partys.
Wie ist dein Live-Setup?
Ich benutze CDJ2000s, das ist wirklich gut durchdacht, die Art und Weise, wie man seine Musik organisieren kann.
Rockst du nur noch mit deinem USB-Stick?
Ich nehme immer noch CDs als Back-up mit, aber es geht definitiv in die Richtung, dass du weniger trägst, aber trotzdem mehr mitnimmst.
Veröffentlicht 2 Aug, 2010. Grego
Tags: Carl Cox, Feature, Interview
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