Interview mit Matthias Tanzmann

Wir sprachen mit dem Moon Harbour-Labelboss und Circoloco-Headliner.

Erzähl uns, wie die Partnerschaft mit Davide Squillace begann; weshalb spielt ihr so oft gemeinsam? 

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie es wirklich begann, aber ich lernte ihn durch das DC10 kennen, etwa vor fünf Jahren. Wir wurden Freunde und begannen, gemeinsam zu spielen. Erst noch nicht back to back, sondern einfach nacheinander. Vor drei Jahren logierten wir zusammen in einem Haus in Ibiza und kamen uns musikalisch gesehen näher. An diesem Punkt waren wir schon Freunde und spielten zusammen für die Circo Loco ausserhalb Ibiza. 

Bist du ihm musikalisch nahe?

Ja. Als wir begannen, zusammen aufzulegen, merkten wir, dass wir dieselben Tracks mochten und so entstand die Idee, vielleicht einmal back to back aufzutreten. Irgendwann letztes Jahr fragten wir Andrea und Antonio vom DC10, ob es für sie okay wäre, wenn wir back to back spielen würden und sie waren einverstanden. Mit dem Resultat waren, so glaube ich, alle sehr zufrieden!

Als ich Davide interviewte, sagte er sein Sound sei ein bisschen sanfter geworden und deiner etwas härter.

Es ist eine interessante Kombination, da wir verschiedene Backgrounds haben. Er stammt ursprünglich aus der Technoszene und ich komme eher aus der Deep House-Ecke. Zusammen ergibt das eine ganz tolle Mischung. Momentan spielt er sogar eher sanfter als ich! Als wir bei der Amnesia Opening spielten, dachten wir, wir würden sehr hart spielen müssen, doch schlussendlich konnten wir einfach unseren Sound spielen und er kam super an. 

Denkst du, dass man sich gegenseitig in eine gewisse Richtung lenken muss, wenn man b2b spielt oder ist man automatisch auf dem selben Pfad?

Nun, manchmal so und manchmal so. Wenn du denkst, dein Partner spielt zu hart, versuchst du vielleicht, das Set in eine andere Richtung zu lenken. Und wenn es dir gefällt, was der andere spielt, so denkst du automatisch daran, welchen Track du als nächstes spielen könntest, um den Flow des Sets beizubehalten und die Geschichte fortzusetzen, die wir erzählen. Man versucht, etwas zu kreieren und das ist wirklich interessant. 

Erwarten die Leute inzwischen, dass ihr beide gemeinsam auftretet?

Ja, wir werden oft danach gefragt, aber wir wollen es nicht zu oft tun, es soll etwas spezielles bleiben. Wenn wir immer back to back spielen würden, wär's nicht mehr interessant. Deswegen spielen wir im DC10 nach wie vor separat und dann gibt es spezielle Gelegenheiten, wo wir im DC10 b2b spielen oder anderswo bei Showcases.

Davide und Matthias in Italien 

Reden wir von der Circo Loco World Tour. Dort bist du neben Tania wohl die Person, die am meisten bei der Tour auftritt. Wenn ich mit Leuten rede, wird dein Name meist als Erster genannt. Fühlst du dich als Repräsentant von Circo Loco?

Oh ich glaube, Tania ist nach wie vor die Haupt-Circo Loco Künstlerin, sie ist seit Beginn dabei. Es ehrt mich natürlich sehr, dass die Leute mich mit Circo Loco in Verbindung bringen und ich bin sehr glücklich, Circo Loco zu repräsentieren, denn ich liebe die Musik und die Party hier! Es ist toll, dass die Leute so denken.

Was macht denn diesen Club für einen DJ so besonders?

Das fantastische am DC10 ist, dass der Club, verglichen mit den anderen Discos auf der Insel, sehr undergroundig ist. Ja, es gibt andere Partys auf der Insel, die noch undergroundiger sind, aber es ist die einzige Party, bei der wirklich coole Musik einer so grossen Audienz gezeigt wird. Der Dancefloor, vor allem die Terrace, ist voll von Leuten und man muss keine Hits spielen. Du spielst deinen heissgeliebten Deep Shit und die Leute lieben es einfach. Zwischendurch spielst du einen Track, den die Crowd explodieren lässt. Insgesamt wird hier jede Woche eine legendäre Party kreiert, bei der die Musik, die Leute und die Atmosphäre einfach wunderbar sind!   

Ich weiss, dass du die Crowd animierst, die berühmten DC10-Sitdowns zu machen...

Ja, letzten Montag geschah es zum Beispiel auch wieder. Ich suchte auf dem Laptop gerade nach einem neuen Track und als ich hochsah, merkte ich, dass sich die Leute in den ersten Reihen schon hingesetzt hatten. Also nutzte ich die Loopfunktion, um den Part des Tracks zu verlängern, bei dem alle runter gehen. Das ist das coole an Traktor, man kann einen Teil des Tracks verlängern und so die Leute zum runterknien ermuntern. Ich bin es also nicht, der damit beginnt, aber wenn die Crowd damit anfängt, dann helfe ich ihnen dabei, denn die Leute in den hintersten Reihen kriegen das erst gar nicht mit. Wenn der Sitdown klappt und der ganze Dancefloor auf einmal explodiert, ist es was verrücktes und supertolles.  

Was denkst du über die Veränderungen, die dieses Jahr am Soundsystem vorgenommen wurden? 

Das Soundystem ist auf jeden Fall verbessert worden; es ist anders aufgestellt als letzten Sommer und die Bässe sind nun direkt in die Wände eingelassen. Die Musik klingt viel besser. Ich muss zugeben, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, mir den Sound in der Mitte des Dancefloors anzuhören, aber letzte Woche war ich zumindest mal am Ende des Dancefloors und dort klang es wirklich gut. Auch in der DJ-Kanzel klingt der Sound toll.

Der Hauptkritikpunkt war, dass der Sound vorher zu basslastig war, nicht? 

Ja, und dass haben sie ernst genommen und hart daran gearbeitet. Andrea ist ein Perfektionist, wenn es um den Sound geht und er wollte wirklich, dass der Klang im Club super ist. 

Inzwischen gibt es viele verschiedene Soundstyles bei der Circoloco, speziell mit DJs wie Seth Troxler, Jamie Jones und Zip. Gibt es also nicht einen spezifischen Circoloco-Sound? 

Nein, es gibt keinen spezifischen Circo Loco-Sound. Meiner Meinung nach ist es eben genau die Kombination von all diesen Künstlern. Seth und Jamie sind momentan gerade extrem in Mode und sie stärken so die Marke Circo Loco. Es ist die einzigartige Soundmischung auf der Terrace bei der Circo Loco. Ich spiele eher den älteren Stil, mehr Tribal und perkussiven Deep Tech House. Jamie und Seth bringen einen komplett neuen Vibe auf die Terrace und das ist wunderbar. Die Kombination funktioniert prima und die Musik klingt so super frisch. Es zeigt auch, dass Andrea seiner Zeit wirklich voraus war, als er die beiden auswählte. 

Warum denkst du, ist der Underground-Sound global so populär geworden? In Ibiza gibt es inzwischen schon viele Partys in diesem Gebiet: Cocoon, Kehakuma, We Love, Carl Cox, The Zoo Project...?

Speziell in Ibiza wurde der Sound vielleicht so beliebt, weil das Ganze einfach anders war, der Eintritt nicht so teuer und die Partys dafür liberaler und freier. Diese Partys haben vielmehr einen Touch einer Afterhour. Leute wie (Marco) Carola können einerseits in einem kleinen Club spielen und richtig deep auflegen und andererseits auch an einem Festival vor 10-15'000 Leuten einen etwas anderen Stil spielen und alle gehen ab. Die Leute sind wirklich offen für den Underground Sound, vielleicht haben sie die Nase einfach voll von den kommerziellen Sounds. 

Circoloco Compilation - The Next Level 2011 Mixed by Matthias Tanzmann and Davide Squillace - Hier erhältlich

Lass uns ein bisschen über Moon Harbour reden. Ihr habt das zehnjährige Bestehen des Labels gefeiert...warst du überwältigt, dass es euch nun schon zehn Jahre gibt?

Es war schon letztes Jahr, aber ja; plötzlich realisiert man, dass man das Label schon eine lange Zeit führt. Als wir das Label gründeten, gab es eine Menge andere Labels und unser Baby war etwas ganz neues und frisches. Plötzlich sind zehn Jahre vergangen und man realisiert, dass es nun nicht mehr das junge Label von einst ist. Inzwischen sind wir eines von vielen etablierten Labels und sind zufrieden damit. Wir haben unsere Tours, unsere Compilation und mit der Gruppe von Künstlern, die wir aufgebaut haben, konten wir etwas kreieren, worauf wir echt stolz sind.

Wie positionierst du euer Label im Bezug auf dich als Künstler und darauf, was du in deiner Karriere tust?

Ich glaube, das Label ist die Basis von allem. Es ist für uns ein Hafen für die Künstler, unsere Homebase, und wir wollen auch, dass dies unsere Acts auch so empfinden. Wir spielen Shows zusammen und es geht immer um das Label.

Was tun André [Quaas] und der Rest des Teams, damit alles im Fluss bleibt?

André war Geschäftsführer des Distillery Club in Leipzig. In diesem Club schmeissen wir nach wie vor Partys. Er wollte etwas neues tun und wir beide hatten die Idee, ein Label zu gründen, also schlossen wir uns zusammen. Mein Teil der Arbeit beinhaltet das auschecken neuer Musik und ich kümmere mich um die Künstler und André macht den ganzen Rest; er arbeitet Tag und Nacht wie ein Verrückter. Neben dem Job als Labelmanager managt er auch meine Bookings und alles rundherum. Die Crew kümmert sich um die gesamte Promotion und die weiteren Leute, die auch für die Agentur arbeiten.

Hattest du auch Angebote von anderen Agenturen? Und wie entscheidest du, wohin du selbst als gebuchter DJ hingehst und wo du selbst etwas veranstaltest?

Natürlich hatte ich Angebote von anderen Agenturen, aber meistens waren es Kooperationsangebote. Inzwischen akzeptieren die Leute, dass wir unser eigenes Label haben und dass sich dies nicht ändern wird. Und wenn ich unsere Agentur verlassen würde, wäre damit auch die gesamte Idee des eigenen Babys gestorben. Alle Künstler und der Booking Agent müssen das Label unterstützen, denn es gibt keinen existierenden Vinylmarkt mehr, doch wir produzieren nach wie vor Vinyl. Also stehen alle aus unserer Familie fix hinter dem Label.

Wie findest du neue Musik fürs Label oder für dich selbst zum spielen?

Normalerweise durch Freunde. Meist von jemandem, dem ich traue, wie zum Beispiel Ekkohaus. Argy empfahl ihn mir damals und wir lernten uns kennen. Ein Freund von mir hörte sich seine Tracks an, die gefielen ihm und heute ist er einer von unseren wichtigsten Künstlern. Oftmals spiele ich Tracks, die ich von Freunden empfohlen bekomme oder von Promo-Links. Teilweise erhalte ich bis zu 50 Promo-Links täglich und, um ehrlich zu sein, kann ich mir manchmal nicht alle anhören. Dann mache ich eine Vorselektion mit Namen oder Labels, die ich schon kenne. Manchmal ist aber auch Glück dabei, wenn ich einfach genug Zeit habe, mir alle Promos anzuhören.

Wieviel von deinen Sets ist geplant und wieviel ist spontan? 

Meine Sets sind nie geplant. Ich habe eine Art Korb auf dem Laptop, den ich mit Tracks füllen kann, doch ich benutze diesen sehr selten. Für die Circo Loco-Opening tat ich es, weil es viele Tracks gab, die ich unbedingt spielen wollte. Aber normalerweise vorbereite ich keine Sets. Ich habe einfach meinen Musikkatalog dabei und habe diesen nach Importdatum geordnet, nicht alphabetisch oder nach Genre. Ich habe ein paar Ablagen für Deep oder Techno, benutze diese aber nur dann, wenn ich gerade dringend einen bestimmten Track brauche und ich diesen nicht finden kann. Da ich die Tracks nach Importdatum geordnet habe, sind die neusten Tracks natürlich immer zuoberst und so bleiben meine Sets immer brandaktuell. Natürlich muss ich mich dann organisieren, wenn ich  einen Track spielen will, der ein Jahr alt ist, aber in diesem Fall ändere ich einfach das Importdatum auf das aktuelle Datum, so finde ich den Track ohne Probleme. Es ist nicht der einzige Weg, wie man es angehen kann, doch für mich funktioniert es so am besten. Es ist ähnlich wie bei Itunes und ich importiere immer von Itunes.

Was läuft zurzeit gerade bei Moon Harbour? Wie findest du die Balance zwischen der Notwendigkeit, Musik zu releasen und der Qualitätskontrolle davon?

Diese Frage stelle ich mir oftmals selbst, denn nicht selten erhalte ich gute Musik, die ich eigentlich gerne rausbringen würde, aber eine Release aus Gründen der Label-, Künstler- oder Karrierenentwicklung keinen Sinn macht. Deswegen fokussieren wir uns auf Releases von unseren Haupt-Acts wie Martinez und Ekkohaus und helfen ihnen dabei, ihr Profil zu entwickeln. Aber von Zeit zu Zeit nehmen wir natürlich auch neue Acts unter Vertrag wie Arado oder Marco Faraone und Adam Port, der einen tollen Remix gemacht hat. Aber wie gesagt, der Fokus liegt klar auf unseren bereits bekannten Künstlern, ich release lieber ihre Musik, als immer wieder zwischen Acts hin- und herzuwechseln.  

Wie wird aus jemandem wie Lunar City Express ein Circoloco Resident? Ist es nur der Musik wegen oder auch wegen der Einstellung und des Ehrgeizes? 

Es ist nicht nur wegen der Musik. Es hat auch viel zu tun mit Networking und damit, wie gut du in gewisse Gruppen involviert bist. Du musst ein guter Künstler sein, damit dich die Leute effektiv für so etwas grosses wie die Circo Loco buchen. Aber du musst als Künstler auch in die Gruppe, die Party oder das Konzept reinpassen. Musik und Kunst gehen Hand in Hand und der Hype um einen Künstler hilft eine Menge.

Erzähl uns von der Amnesia Opening Party. War es das erste Mal, dass du dort aufgetreten bist? 

Ja das war fantastisch! Wir kamen um vier Uhr in der Früh dort an, gaben Backstage ein paar Interviews und kamen dann rüber auf die Terrace. Wir kannten den Dancefloor, aber dort zu spielen...WOW! Wir hatten eine geniale Zeit, die Crowd war toll, unsere Musik hatte einen guten Flow und der riesige, lichtdurchflutete Raum war einfach der Wahnsinn. Wir spielten fünf Stunden lang, ich glaube von sieben Uhr früh bis mittags um zwölf! 

Veröffentlicht 16 Aug, 2011. Grego

Tags: DC10Circo LocoIbiza FeatureIbiza NachrichtenInterview

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